Sexismus an unserer Schule?

„Na, dann weißt du ja, worauf du dich eingelassen hast!“
Das schrieb mir ein Freund, nachdem ich ihm auf die Frage, wer denn auf die Idee gekommen sei, ausgerechnet dieses Thema anzuschneiden, mit „Ich selbst natürlich“ geantwortet hatte.
Wenn ich nicht vorher schon meine Zweifel gehabt hätte, einen Artikel über Sexismus zu schreiben, hätte ich sie spätestens jetzt.
In jeder Hinsicht war die Arbeit und Recherche für das Thema entmutigend gewesen. Die meisten befragten Schülerinnen und Schüler schrieben, dass ihnen Sexismus noch nie oder nur sehr selten im Schulalltag begegnet sei.
Schon allein diese Aussagen machten mich stutzig. Erstens hatte ich zu oft mit angehört, wie sich Schülerinnen und Schüler über sexistische Bemerkungen von Lehrern ausließen, zweitens stimmte das nicht mit meinen persönlichen Erfahrungen überein, und drittens ist es wohl kaum möglich, mit gesundem Menschenverstand zu erklären, dass sich Geschlechterdiskriminierung zwar in fast jedem Bereich des Lebens wiederfindet, sei es in der Ausbildung, an der Uni oder später im Beruf, aber ausgerechnet Schulen frei davon sein sollen.
Und genau dies sind sie auch nicht. Dass es zwischen Schülern des Öfteren zu Beleidigungen, Herabsetzungen oder Witzen in Bezug auf das Geschlecht kommt, ist nicht überraschend. Es ist schlicht eine Tatsache. Doch an Lehrer stellt man eigentlich höhere Ansprüche.
Deshalb war ich mehr als verblüfft, als wir in der neunten Klasse einen Lehrer bekamen, der jede Stunde unverblümt frauenfeindliche Witze von sich gab. So sagte er einmal zu einer Schülerin, die ihre Stirn runzelte, folgendes: „Runzele die Stirn nicht so! Davon bekommt man Falten, und bei Frauen würde das zum falschen Rückschluss führen, nämlich, dass das weibliche Geschlecht denken kann.“
Das Unverschämteste daran war, dass man sich dazu nicht kritisch äußern konnte, ohne als humorlose Emanze abgestempelt zu werden. Mit einer Beschwerde auf diese Art umzugehen, bedeutet, dass jede Möglichkeit auf eine Auseinandersetzung im Keim erstickt wird. Es wird ernsthaft erwartet, dass man sich als Mädchen oder Frau diese „Witze” gefallen lassen soll und am besten noch darüber lacht. Über etwas, das mehr Ähnlichkeit mit dem Bild der Geschlechter aus dem Mittelalter aufweist, als mit dem des 21. Jahrhunderts. Wäre es andersherum, würden sich die meisten Jungen und Männer lauthals über die immer gleichen widerwärtigen Witze und Klischees empören. Intelligenz und Klugheit kennen kein Geschlecht, zumindest sollte das heutzutage vorausgesetzt werden können, aber offensichtlich fällt es manchen Menschen, auch Lehrerinnen und Lehrern schwer, dies Mädchen zuzugestehen ohne ein kleines Aber: „T. ist sehr gut in der Schule, aber sie arbeitet und lernt ja auch so viel.“
„A., du bist super in Mathe, aber das ist ja auch kein Wunder bei dem Fleiß.“
Solche Sätze wären kein großes Problem, wenn sie ebenfalls Jungen betreffen würden, aber solche Äußerungen hört man meistens nur in Bezug auf das weibliche Geschlecht.
Im Gegenteil, es fallen über Jungen, die mittelmäßige Leistungen erbringen, Sätze wie: „Er ist doch schlau, wenn er bloß ein wenig mehr für die Schule tun würde.“ Oder auch: „C. ist so intelligent, manchmal bloß ein bisschen faul.“
Solche Aussagen implizieren, dass das weibliche Geschlecht fleißig, aber ohne Begabung und das männliche zwar talentiert, aber grundsätzlich faul ist, was in beiden Fällen sexistisch und natürlich nicht richtig ist, denn kein Talent und keine Begabung, sei es bzw. sie auch noch so groß, tragen Früchte ohne Arbeit, Mühe und Fleiß.
Es bedarf keiner großen Anstrengungen, diese Liste fortzuführen, doch das würde den Rahmen für einen Artikel in einer Schülerzeitung vermutlich sprengen.
So lässt sich abschließend sagen, dass sowohl das beharrliche Schweigen der Schülerinnen und Schüler als auch die auffällige Neutralität der Themenwahl in der Schülerzeitung, Rückschlüsse auf unsere oft gepriesene Zivilcourage zulassen.
Für eine Schulgemeinschaft, die sich für demokratisch fortschrittlich hält, ist dies erstaunlich rückständig.

Franziska Brößler
Titelbild: Wikimedia Commons, Prof.lumacorno